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Peter WittstadtPeter Wittstadt

 

Orte und Menschen
Peter bewohnt mit seiner Frau Johanna in Karlstadt-Laudenbach den alten Pfarrhof. Ein typisches fränkisches Anwesen mit Nutzgarten, Streuobstwiese, Hof mit Stallungen und Scheune. Dieses ehemalige ruinöse Grundstück hat er eigenhändig in ein Kleinod verwandelt und damit einen untrennbaren Platz zum Wohnen und Arbeiten geschaffen.

Schaue ich aus einem der Atelierfenster, geht mein Blick über ein Renaissanceschloss hinweg in eine geweitete Flusslandschaft. Begrenzt wird das Tal durch ein Band schroffer Felsen, das ober- und unterhalb mit Wein bebaut wird. Der Altort liegt in einem engen Tal. Die Häuser schmiegen sich an den steilen Hang und geben dem Ort ein imposantes Gepräge. Dominant sind die spätgotische Pfarrkirche und die kargen romanischen Turmreste der im Bauernkrieg zerstörten Burg. Wunderbar ist der Quellbach, der durch das Dorf fließt, sieben Mühlen hatte er das Wasser geliefert. Heute ist er Spielplatz für die Kinder und an den Sommerabenden treffen sich dort Jugend und Alter wie in früherer Zeit. Und die Forellen stehen im kristallklaren Wasser zum Greifen nahe.

Peter kocht gerne, bewirtschaftet den eigenen Gemüsegarten und liebt die regionale Ess- und Trinkkultur. Der Sylvaner wächst am Hang hinter einer Häckerwirtschaft, und Hausmetzger aus Laudenbach arbeiten noch nach alten fränkischen Rezepten. Unsere heimliche Liebe sind vor allem die leichten biologischen Weine aus dem Werntal vom Winzer Willert-Eckert; für ihn gestaltet Peter kunstvolle Etiketten.
Abends sitzen oft Freunde und Verwandte im Hof oder Atelier dieses gastlichen Hauses und diskutieren über Kunst, Liebe und Unwegsamkeiten des Lebens. Es sind Begegnungen, die Leib und Seele gut tun.
Das andere Atelierfenster öffnet den Blick nach Karlstadt. Diese ehemals pittoreske Landschaft mit ihrer Felsformation war ein Lieblingsmotiv der Maler der Romantik bis ins frühe 20. Jahrhundert. Doch auf der einen Seite des Mains hat sich ein Steinbruch in die Landschaft gefressen, in dessen Krater der Altort von Karlstadt mehrmals verschwinden könnte. Gegenüber liegt eine zersiedelte Landschaft mit Industriebauten.
Karlstadt, hier ist Peter geboren und aufgewachsen. Hier leben auch seine Eltern und Geschwister und hier ist die Kultur, die ihn seit seiner frühesten Jugend beeinflusst hat. Häuser aller Epochen und Baustile, von romanischen Steinbauten bis zu den wunderbaren Fachwerkhäusern, prägen das historische Bild der Stadt. Vor allem die vielen Kunstwerke, die als Skulpturen schmückend an Häusern prangen. Werke von einer Schönheit, die in der Qualität eines Tilmann Riemenschneider gipfeln. Hier fügt sich Peter in die Kunsttradition seiner Heimatstadt ein, und man findet auch seine prägnanten Kunstwerke im Stadtbild. Wer hier flaniert, atmet Kultur und Geschichte. Peter möchte an keinem anderen Ort leben, als hier in Karlstadt.

Kunst und Handwerk
Die Hand ist die Mittlerin zwischen Hirn und physischer Außenwelt, sie ist Urheberin der Prozesse die Natur in Kultur zu verwandeln. Sie markiert den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Geschichtlich haben sich die Hand und das Gehirn parallel entwickelt.

Peter hat das Steinmetz-Handwerk gelernt, den Umgang mit Werkzeug, Material und Morphologie. Das Bearbeiten der schweren Steine verlangt nach Zusammenarbeit und erzieht dadurch zum sozialen Verhalten und zu Arbeitsdisziplin. Das handwerkliche Wissen und Können erkennt man nicht nur an seinen Auftragsarbeiten, sondern es spiegelt sich in besonderer Weise auch an der Renovierung seines Hauses wieder. Sparsamer Umgang mit dem Material: Lehm, Sumpfkalk, Mineralfarbe, Holzdielenböden, alles auf das Feinste verarbeitet. Den Denkmalpflegern ging das Herz auf. Peter hat als Handwerker unsere regionale Kultur gepflegt und verinnerlicht und sich damit die Basis für die schöpferische Tätigkeit als Künstler geschaffen.

Eigene Werke schaffen, den Horizont erweitern, Erfahrungen austauschen, dafür begann Peter ein Studium bei Prof. Wilhelm Uhlig an der Hochschule für Bildende Künste in Nürnberg. Naturbezogenes Arbeiten und akademische Vorbilder finden sich in seinem bildhauerischen und zeichnerischen Werk der damaligen Schaffensperiode wieder. Aber er lernte auch von den Werken der Künstler wie Picasso, Giacometti, Brancusi, Max Ernst, Matisse und besonders von der Kunst der frühen Kulturen, wie der Khmer, der Ägypter und Mexikaner. Diese Weltkunst floss nun in seine künstlerische Arbeit und führte zum Bruch mit dem Akademismus der "Nürnberger Schule".

Für einen Bildhauer ist die Zeichnung ein wichtiges Darstellungsmittel. Peter hat sie zu einer Meisterschaft entwickelt und sich den Weg über die Graphischen Künste zur Malerei geebnet. Auch hier folgt er konsequent seinen eigenen Vorstellungen und orientiert sich im Sinne der Moderne:
"Rückkehr zu den einfachen Dingen, in der Form der Wiederentdeckung und der Fähigkeit sich sogar für die anscheinend trivialen Dinge zu begeistern, wie es sonst nur in der Kindheit geschieht. Doch nun nicht mehr im Zustand des Naiven."

So entstehen bei Peter Gemälde, die an die Werke von "individuellen Mythologen" und Kinderzeichnungen erinnern. Werke, die nicht nur durch Gestalt und Farbe unser Schönheitsbedürfnis befriedigen, sondern uns den Zugang zu unserem Unterbewusstsein öffnen. Es ist eine Kunst, wie es die Hirnforscher heute von den Künstlern erwarten und sie sagen uns sinngemäß Folgendes:

Während sich ein Tier instinktiv in der Welt zurechtfinde, benötige der Mensch sinnstiftende Bilder und eine Sternenkarte, auf der seine Wege verzeichnet sind und die ihm zeigt, dass er mitten im Leben steht. Ohne Sinnstiftung ereile ihn die Panik, und dann erscheine dem Menschen die Evolution als blindes Chaos, aus Fressen und Gefressenwerden. Die Künstler sollen den von Weltangst bedrohten Betrachter zurück ins Leben stellen und mit den Strömen des Lebens versöhnen. Die Kunst arbeitet im Auftrag der Evolution, die Kunst ist das Neuronenfeuer.

Peter Wittstadt wurde in die jahrtausend alte Kulturlandschaft am Main geboren. Er entwickelte sich aus dem Handwerk zum Künstler und Pädagogen. Er ist Maler, Zeichner und Bildhauer. Mit diesen Fähigkeiten schafft er wunderbare Werke, jenseits des Kunstmainstreams.

Valentin Schwab
Karlstadt, im Juni 2010


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